Sprachpolitik: Impressionen und Straßeninterviews auf der Demo "Aktion Gebärdensprache" in Berlin (2013, teilweise mit Ton)

 

Daniel Büter (Geschäftsführer vom Landesverband Baden-Württemberg):

Ich bin der Geschäftsführer vom Gehörlosenverband Baden-Württemberg. Viele Menschen hatten mich auf die Demo angesprochen und wie wichtig es ihnen sei, dass wir daran teilnehmen. Die Gründe, weshalb hier heute demonstrieren, sind die fünf Forderungen, die der Deutsche Gehörlosenbund an die Politik stellt:

  1. Frühförderung
  2. Schulbildung
  3. Weiterbildung
  4. Berufliche Bildung
  5. Barrierefreiheit ... und dann hab ich noch eine vergessen, naja..egal...

Schau dir diese Menge von Menschen an, die sich hier versammeln! Wie ich erfahren habe, sollen es rund 10 000 Leute sein, das freut mich riesig! Wir sind mit insgesamt fünf Bussen aus Baden-Württemberg nach Berlin gefahren.

Die Veranstaltung heute ist wirklich wichtig, denn vor 25 Jahren wurde im europäischen Parlament beschlossen, dass die Gebärdensprachen in Europa gesetzlich anerkannt werden sollen. In Deutschland ist dies auch 2002 umgesetzt worden. Aber es mangelt noch an der Umsetzung dieser Anerkennung. Faktisch hat sich für uns noch nicht viel seitdem verbessert. Sollen wir auch noch 25 weitere Jahre abwarten, bis etwas passiert? Nein! Darum gehen wir heute auf die Straße.

Wir wollen, dass sich zügig etwas ändert und wir in den genannten Bereichen endlich bessere Verhältnisse bekommen!

 

Tina Simon:

Ich habe eine richtige Gänsehaut, denn es ist so toll, hier dabei zu sein. Ich konnte eben die ganze Menschenmenge überblicken, Hörende und Gehörlose- es sind so viele! Die ganze Gehörlosen-Community ist hier versammelt- das ist einfach unbeschreiblich schön!

 

Thora Hübner:

Ich bin heute dabei, weil wir Gehörlosen von den Hörenden immer noch nicht als gleichwertige Menschen angesehen werden. Ich fühle mich von ihnen unterdrückt und stoße in meinem Alltag gegen viele Barrieren. Damit muss jetzt Schluss sein, die Regierung muss bewusster auf unsere Bedürfnisse eingehen, z.B. dass wir die Gebärdensprache brauchen, weil sie uns alle Türen öffnet. Ich will heute ein Zeichen dafür setzen, dass die Gebärdensprache offiziell und selbstverständlich in unserer Gesellschaft wird.

 

Finn Koch:

Auf meinem Plakat steht „Notruf für Gehörlose“, weil Gehörlose bei dem Thema sehr benachteiligt sind. Wir können nicht telefonieren, sondern im Notfall nur eine Nachricht per SMS oder Fax senden. Das Schreiben einer solchen Nachricht dauert oft zu lange und oft bekommt man keine Antwort. Hörende haben es da mit der Lautsprache leichter, tja.

Ich schlage stattdessen vor, dass ein Videotelefon-Service eingerichtet wird, so kann man im Notfall problemlos in Gebärdensprache die Notsituation schildern und besprechen, z.B. mithilfe eines Smartphones.

 

Martin Stutzenbecker und Sebastian Sehling:

Ich würde gern, dass mein Hund lernt, als Deaf Dog mir und meinem Freund akustische Signale anzuzeigen. In Amerika gibt es für diesen Zweck eine „Deaf Dog School“, aber in Deutschland gibt es so etwas noch nicht. Man findet nur spezielle Schulen, in denen Blindenbegleithunde trainiert werden.

 

Dorothee Derr:

Viele Menschen glauben, Gehörlose seien sprachlos, aber wir sind nicht stumm. Wir haben die Gebärdensprache. Und sie zu benutzen ist unser Menschenrecht! Gebärdensprache ist unser Leben!

 

Michael Striffler:

Schön, dass hier so viele Gehörlose für ihre Rechte auf die Straße gehen! Die Forderungen des Deutschen Gehörlosenbundes müssen anerkannt werden! Ich drücke die Daumen, dass das gelingt! Jeder Gehörloser zählt! Wir halten dafür fest zusammen!

Ich komme aus Nürnberg, wir sind mit zwei Bussen hier, insgesamt ca. 100 Leute. Aus ganz Deutschland sind Leute hier, vermute ich. Viel Erfolg!

 

Kerstin Reiner-Berthold:

Hallo! Ich bin heute bei der Demo dabei, weil ich darüber einen Artikel für die Deutsche Gehörlosenzeitung schreibe- bei so einer Veranstaltung darf natürlich die Presse nicht fehlen!

Ich bin aber auch hier, weil ich mich gegen die Barrieren in meinem Alltag zur Wehr setzen will, z.B. was die Situation der Untertitelung, Dolmetscherversorgung, Schulbildung für gehörlose Kinder etc. betrifft. Erstmal ist es toll, dass so viele Leute heute mitmachen. Was der nächste Schritt dann sein wird, bleibt dann noch abzuwarten. Mal sehen, ob sich durch diese Demo unsere Situation verbessern wird.

 

Hannah Arbeiter:

Warum ich nach Berlin gekommen bin? Na, schau selbst: All die vielen Leute, die hier so leidenschaftlich für das Motto „Gebärdensprache macht stark!“ demonstrieren! Da wollte ich auch nicht fehlen! Deshalb bin ich hier! Egal, wie das Wetter wird, ich bin dabei! Yeah, yeah yeah!

 

Lena Liebke und Felicitas Wilczynski:

Wir sind hier auf der Demo für die Gehörlosenrechte, und wir beide sind CODAs, d.h. wir stammen von gehörlosen Familien ab. Wir beide können hören. Wir setzen uns für unsere Familie ein, wir möchten unter anderem...wir haben auch Familienmitglieder..., z.B. ich habe Geschwister, die gehörlos sind, die Probleme im Alltag haben. Das heißt: Mit dem Arbeitsamt, schulische Bildung, wo wir lange, lange immer kämpfen müssen, bis wir irgendwie durchstarten. Und diesen Kampf wollen wir verkürzen, indem wir nur kurze Wege gehen anstatt langer Wege. Hörende machen kurze Wege, Gehörlose lange Wege. Und das wollen wir damit ändern. Uns geht es über den Alltag, über den normalen Standard-Tag: Dass wir ohne Probleme U-Bahn fahren können. Und wenn wir belästigt werden, dass wir den Notrufschalter betätigen, ohne unsere Stimme einzusetzen, in die Kamera blicken können und sagen: „Wir brauchen Hilfe!“ Und nicht stumm dastehen und stumme Hilfe erwarten. Wir brauchen Augen. Wir Gehörlosen, die CODAs, wir alle brauchen Augen, und nicht nur Ohren. Und dafür sind wir hier. Tschüss und danke!

 

Helmut Vogel:

Diese Demo ist wirklich toll. Wir machen hier auf die fünf Forderungen des Deutschen Gehörlosenbundes aufmerksam, der eine Verbesserung in den folgenden Bereichen beinhaltet:

  1. Frühförderung
  2.  Schulbildung
  3. Berufliche Aus- und Weiterbildung
  4. Teilhabe am Arbeitsleben

In allen Bereichen muss das Recht auf die Verwendung der Gebärdensprache eine Selbstverständlichkeit werden. Das ist ein Menschenrecht! Wir zeigen heute allen, wie wir gebärden und erregen damit Aufmerksamkeit, das ist wirklich toll!

Außerdem fand ich Markku Jokkinens Rede gut, der hier vorhin sagte, dass es bis heute in Deutschland keinen einzigen tauben Bundestagsabgeordneten gibt. Einer von uns Tauben muss dort endlich rein, um unsere Belange zu vertreten und den entsprechenden Einfluss auf die Politik zu nehmen. Los, gebt euch einen Ruck! Wir brauchen politischen Nachwuchs, der sich dort hineintraut! Toi toi toi!

 

Marco Schwager:

Auf meinem Plakat steht „We love DGS“ und es stimmt: Ein Leben ohne DGS wäre für mich unvorstellbar. Wir brauchen die DGS! Wir fordern DGS!

 

Elke Neugebauer:

Wir wollen mitmachen, darum sind wir hier. Wir haben auch das Recht, auf Teilhabe auf allen Ebenen.

 

Martina Schütz:

Ich bin hier, weil ich sonst ein schlechtes Gewissen gehabt hätte.

Und es ist auch eine gute Gelegenheit, für unsere Rechte und bessere Chancen zu kämpfen. Man darf sich nicht mit der jetzigen Situation zufrieden geben, man muss immer weiter kämpfen.

 

Monika Cimmino:

Ich habe große Probleme, für meine Kinder Dolmetscher zu finden. Es sollte mehr Dolmetscher geben, auch an Schulen.

 

Tomato Pufhan:

Schau mal hier, der Forderungskatalaog. Und schau dir mal mein T-Shirt an: „Durch Gebärdensprache wird man schlau!“

Also, warum ich heute hier bin? Tja... klar, in Facebook gab es viel Werbung und eine Menge Aufrufe und Informationen zu dieser Demo. Aber der eigentliche Grund, warum ich hier bin, sind meine Kinder. Sie wollten unbedingt mitmachen. Ohne sie wäre ich evt. nicht gefahren, auch weil ich heute eigentlich arbeiten muss. Ich habe mir dann aber wegen ihnen frei genommen und nun sind wir hier.

Mein größter Wunsch ist, dass die Gehörlosenschulen bestehen bleiben. Ich war selbst an so einer Schule und fühle mich noch immer sehr mit dieser Zeit verbunden. Es gibt aber auch noch eine Reihe weiterer Forderungen, um eine hundertprozentige Barrierefreiheit für uns zu ermöglichen. Es sollte eine Selbstverständlichkeit werden, in DGS zu kommunizieren, usw. Ich hatte vor der Demo ein paar Bedenken, ob die Veranstaltung sinnvoll ist. Aber jetzt, wo ich hier bin, muss ich sagen, dass es mir sehr gut gefällt. Es ist wirklich traumhaft, so viele Leute hier auf der Straße zu sehen. So etwas gab es bisher noch nie, das ist wirklich spitze. So, nun geh ich mal weiter!

 

Stefan Goldschmidt:

Diese Demo heute ist für die Gehörlosen sehr wichtig. Der Deutsche Gehörlosenbund hatte diese Veranstaltung ja im Vorfeld angekündigt, vielleicht etwas zu kurzfristig. Aber trotzdem haben sich die Gehörlosen über Facebook und Chats rasend schnell vernetzt und gegenseitig dazu animiert, sich an der Demo zu beteiligen. Im Nu stellten Gehörlose aus ganz Deutschland im Internet ihre gefilmten Statements in DGS ein, riefen zur Demo auf und unterstützten die Forderungen des DGB.

Als Ergebnis sehen wir heute nun diese enorm große Menschenmenge!

Sie alle haben genug von der momentanen Situation. 25 Jahre ist es her, dass im EU-Parlament die Anerkennung der Gebärdensprachen in Europa gefordert wurde. Das ist ja noch relativ frisch, aber hier will niemand mehr sich mit der aktuellen Lage zufrieden geben. Jetzt wird gekämpft! Super, dass so viele gekommen sind!

 

Sven Otte:

Ich bin hier, weil es mich stört, dass ich auf der Arbeit große Schwierigkeiten habe, einen Dolmetscher hinzuzuziehen. Das wird dort nicht gern gesehen.

Auch im privaten Bereich brauche ich Dolmetscher. Es gibt noch weiteres, das uns für eine echte Barrierefreiheit wichtig ist.  Ich habe das Recht auf visuelle Kommunikation und dafür mache ich mich heute stark. Ich bin auch für unser hörendes Kind hier, dass später einmal inklusiv beschult werden soll, mit Kontakt zu gehörlosen Kindern. Wir möchten gleichberechtigt behandelt werden, deshalb unterstützen wir die Demo.

 

Kathrin Dick:

Ich stimme Sven zu. Ich will auch, dass Inklusion in die Tat umgesetzt wird und sich die Welten von Hörenden und Gehörlosen besser vermischen.

 

Tino Gleis:

Ich hatte damit gerechnet, dass wir heute nur wenige Teilnehmer sein würden und die Politiker deshalb über uns lachen würden. Aber nun sind wir soviele Leute, dass ich eine Gänsehaut habe! Das ist wirklich ein ganz tolles Gefühl, hier dabei zu sein! Es ist eine Stimmung wie bei einem großen Fußballspiel. Das Motto der Demo lautet ja „Gebärdensprache macht stark“. Heute ist es so, dass die Hörenden uns wie durch ein Fenster zuschauen und nichts von dem verstehen, was wir gebärden, wir drehen heute den Spieß also einmal um! Wir brauchen Barrierefreiheit, Gebärdensprache macht stark! Dafür müssen wir kämpfen! Gebärdensprache ist wirklich wichtig! Als Rollstuhlfahrer benötige ich im Alltag oft Hilfe beim Überwinden von Kantsteinen u.A. Mit Hörenden klappt die Verständigung dann nicht gut. Es ist viel angenehmer für mich, wenn ich mit den Leuten, die mir helfen, gebärden kann. Mit anderen Gehörlosen ist das deshalb immer völlig problemlos. Heute sollen es alle sehen: Gebärdensprache macht stark!

 

Martin Zierold (Bündnis 90/ Die Grünen, Berlin-Mitte):

Vor 25 Jahren hat das Europäische Parlament die Anerkennung der europäischen Gebärdensprachen gefordert. In den darauf folgenden Jahren wurden auch einige Gebärdensprachen in Europa gesetzlich anerkannt, aber bei den Hörenden herrschte auch weiterhin eine defizitäre Sichtweise voller Mitleid auf uns vor.

Heute ist ein super Tag! Diese Demo ist wie ein Befreiungsschlag, vergleichbar mit dem arabischen Frühling, den revolutionären Bewegungen im arabischen Raum. Auch dort wurde über Facebook zu einem Aufstand gegen die unterdrückenden politischen Strukturen aufgerufen und sich solidarisiert. Wie die Menschen dort haben auch wir uns untereinander im Internet ausgetauscht, diskutiert und uns auf die heutige Aktion intensiv vorbereitet. Es ist wirklich genauso wie der arabische Frühling verlaufen. Wir sprengen heute die alten Strukturen auf, das ist wirklich unglaublich! Durch diese große Demo werden wir auf die Politiker Druck ausüben und zeigen, dass wir die momentane Situation nicht einfach so hinnehmen, sondern uns selbstbewusst zur Wehr setzen. Endlich ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Weichen für unsere Zukunft neu gestellt werden!

 

Markus Beetz:

I LOVE YOU, I LOVE YOU!

Ich liebe die Gebärdenprache! Wir halten heute alle zusammen und sind eine starke Gemeinschaft. Applaus! I LOVE YOU!

 

Laura Scholler:

Ich bekomme hier gerade ein Tattoo mit dem „I Love You“-Zeichen auf meinen Arm gemalt, das wird richtig schön. Die Demo heute ist sehr wichtig. Wir setzen uns ein für mehr Gebärdensprachdolmetscher und Untertitelungen, das muss weiter vorangetrieben werden. Darum bin ich auch dabei. Moment, Entschuldigung- ich darf mich nicht so viel bewegen, sonst verrutscht der Stift!

 

Tamer Altuntas:

Ich bin heute dabei, weil ich finde, dass uns Angela Merkel zu wenig unterstützt, und weil es wichtig ist, für mehr Gebärdensprachdolmetscher und Untertitelungen zu demonstrieren. Wir brauchen alle diese Möglichkeiten für unsere Zukunft.

 

Janine Hass:

Ich komme aus Hessen, wie man an meiner Flagge sehen kann. Mit dieser Demo fordern wir mehr Barrierefreiheit für uns. Ich habe alle meine Forderungen auf diese Flagge geschrieben: mehr Gebärdensprachdolmetscher usw. Es sind wirklich viele Leute hier, ich schätze über 5000.

 

Christian Schiara:

Hallo, es ist echt toll hier und die Demo ist auch sehr wichtig, damit wir uns als selbstbewusste Menschen zeigen können. Meine Lebenspartnerin lebt in der Schweiz, sie durfte sich sogar mit einem eigenen Studio selbstständig machen, hat alle Telefonate über TESS geführt und hatte viele Möglichkeiten, um sich zu informieren. Das reicht aber noch nicht! Wir brauchen noch mehr! Wir müssen noch mehr Zugang zu Informationen bekommen, deshalb demonstriere ich heute. Alles, was die anderen können, müssen wir uns auch aufbauen können. Warum auch nicht? Ist doch selbstverständlich!

 

Joachim Wöhler:

Ich bin mit einer Seniorengruppe hier und bin den jungen Leuten hier sehr dankbar für ihre Motivation und Ideen. Es geht hier u.A. auch um die Situation von Gehörlosen in Seniorenheimen, auch dort müssen Barrieren abgebaut werden.

 

Satu Worseck:

Wir kämpfen heute für die Gebärdensprache. Das Angebot an Gebärdensprachdolmetschern und Untertitelungen darf nicht weniger werden sondern muss weiter ausgebaut werden! Wir wollen die volle Teilhabe! Das ist wichtig! Deshalb bin ich hergekommen, um mit zu demonstrieren und mich mit den anderen zu solidarisieren.

 

Rudolf Sailer, Präsident des Deutschen Gehörlosenbunds:

Es ist super hier! Vor einer Stunde sagte man mir, wir seien 8000, aber eben erfuhr ich, dass eine automatische Zählung per Kamera auf den Demonstrationszug rund 11 000 Teilnehmer ergeben hat! Das ist ja kaum zu glauben! Das ist in jedem Fall ein Rekord!

In der Vergangenheit hat es immer Einzelkämpfe Gehörloser gegen ungerechte Zustände gegeben. Es ist aber besser, sich dafür zusammen zu tun und als große Gruppe nach außen hin für seine Rechte einzustehen. An so eine große Veranstaltung können dann weitere kleine Aktionen gekoppelt werden. Die Idee zu dieser Demo entstand im Februar dieses Jahres. Im März fiel dazu die Entscheidung und die Vorbereitungen konnten beginnen. Wir haben dann gleich die Info mit der Ankündigung unserer Aktion breit gestreut. Wir haben Berlin als Ort ausgewählt, weil wir hier unsere Forderungen in unmittelbarer Nähe zu den Politikern im Regierungsviertel vorbringen können. Ich wünsche uns, dass wir durch die Gespräche, die wir im Zuge der Aktion mit den Politikern führen, erreichen, dass Barrieren abgebaut werden und die Unterdrückung von Gebärdensprache endlich ein Ende hat.

 

Ilka Steinberg:

Ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern und für mich ist es wichtig, heute auf die Straße zu gehen, weil ich darauf hinweisen will, dass in meiner Gegend ein großer Dolmetschermangel herrscht. Es geht nicht an, dass Gehörlose nur in großen Städten eine ausreichende Versorgung mit Dolmetschern haben. Wir sind da im Norden wirklich im Nachteil. Es muss aber auch insgesamt in Deutschland mehr Dolmetscher geben.

 

Michalina Sliwka:

Wir brauchen 24 Stunden Untertitelung! Barrierefreiheit!

Meine Freundin hier neben mir möchte heute auf der Demo gern andere gehörlose Usher-Betroffene kennenlernen. Sie kämpft gegen viele Kommunikationsbarrieren und weil sie keine Arbeit fand, arbeitet sie nun als selbstständige Beraterin für „Thermomix“.

 

Karoline Marzec:

Ja, aber das Problem dabei ist, dass ich meine Dolmetscher, die ich für meine Arbeit brauche, aus eigener Tasche finanzieren muss, weil ich selbstständig bin. Ich arbeite für Hörende und bin somit auf Dolmetscher angewiesen.

 

Michalina Sliwka:

Tja. Mach’s gut!

 

Asha Rajashekhar:

Ich bin heute hier, weil ich dagegen protestiere, dass sich seit 25 Jahren noch nicht viel für uns verbessert hat. Es gibt keine Dolmetschereinblendungen im deutschen Fernsehen, die einzige Ausnahme ist der Sender „Phoenix“. Die ARD und ZDF haben noch gar keine Dolmetschereinblendungen eingesetzt! Und es gibt viel zu wenige Gebärdensprachdolmetscher! Wenn ich kurzfristig einen Dolmetscher brauche, gibt es oft eine Wartezeit von ein bis zwei Wochen! Ständig sind sie ausgebucht! Damit muss jetzt Schluss sein. Wir fordern, dass alles für uns bereit steht: 100% Untertitel, Gebärdensprachdolmetscher. Und hörgeschädigte Kinder müssen in der Schule die  Gebärdensprache erlernen! Es muss ein flächendeckendes Angebot von bilingualem Unterricht (, d.h. in Deutsch und Deutscher Gebärdensprache) geben!

 

Christo Sailer:

Ich bin heute als Teufel verkleidet, weil die Gesetze alle sehr schwammig formuliert sind. Ich will alle Gesetze ändern und zwar schnell. Das kann nur der Teufel erledigen.

 

Asha Rajashekhar:

Ja, die Gebärdensprache muss geschützt werden. Wir haben uns heute in dieser Sache verbündet.

 

Christo Sailer:

Ja, schützen ist gut, aber unser Engel hier versucht es immer ganz sanft im Guten. Ich will aber schnelle Erfolge: Es soll brennen!

 

 

Ronja Dietrich:

Ich unterstütze gern die Demo, weil ich die Ziele dieser Aktion sehr sinnvoll finde. Ich habe ein Megaphon dabei, weil ich die Forderungen, die hier von vielen gebärdet werden, in deutscher Übersetzung für die hörenden Zuschauer durchsage. Es ist ja wichtig, dass auch die Hörenden unsere Inhalte verstehen.

 

Andreas Sodomann:

Wir sind hier, um gegen viele Benachteiligungen zu protestieren, die wir als Gehörlose häufig erleben. Ich habe es satt, seit 25 Jahren immer gegen Barrieren zu stoßen. Alsich von dem Aufruf des Deutschen Gehörlosenbundes zu dieser Demo erfuhr, war für mich sofort klar, dass ich daran teilnehmen wollte. Meinen Sohn habe ich heute von der Schule beurlauben lassen, damit er auch dabei sein kann. Er geht auf eine Gehörlosenschule, aber die Zustände dort sind sehr schlecht, weil dort im Unterricht nicht gebärdet wird. Es gibt da kein bilinguales Unterrichtskonzept und die Lehrer können kaum gebärden, das ist für ihn eine enorme Barriere. Deshalb geht er heute auch mit und protestiert dagegen.

Es ist irre, wieviele Leute an der Demo heute teilnehmen, ich schätze es müssen über 10 000 sein, das ist schon ein Hammer. Es macht viel Spaß, dabei zu sein, auch weil ich hier viele Kameraden wiedertreffe, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe. Gemeinsam sind wir stark!

 

Lars Sodomann:

Ich bin aus denselben Gründen hier wie mein Vater. Auch an der Schule ist es notwendig, die Gebärdensprache einzusetzen, denn nicht alle Lehrer können gebärden. Und es ist interessant zu sehen, wie mein Vater hier so viele alte Freunde trifft.

 

Andreas Sodomann:

Tschüss und weiterhin viel Spaß auf der Demo!

 

Dirk Zimmermann:

Ich bin hier, weil ich die Demo unterstütze und es hier um unsere Zukunft geht. Vor allem um die Bildung der gehörlosen Kinder. Meine Generation hat damals in Bezug auf Bildung noch keine hohen Ansprüche gestellt. Das ist heute anders und daran muss man sich anpassen.

Ich brauche selbst nur selten einen Dolmetscher. Wenn ich z.B. krank bin und zum Arzt gehe, schaffe ich das auch ohne Dolmetscher. Wenn es um wichtige und komplizierte Dinge geht, dann habe ich natürlich lieber einen Dolmetscher dabei. Es ist ja auch ein Problem, dass es gar nicht genug Dolmetscher gibt. Wenn man für jede Kleinigkeit einen Dolmetscher bestellen würde, würde für die wirklich wichtigen Einsätze keiner mehr frei sein. Das geht ja auch nicht, ist doch logisch.

 

Katja Fischer:

Ich will kurz berichten, wie die Idee zu dieser Demo entstanden ist. Vorab: Dass es über 8000 Leute geworden sind, hätte ich nie erwartet! Ich habe eine richtige Gänsehaut, wenn ich diese riesige Menschenmenge sehe!

Also, zur Entstehung dieser Aktion: Vor vier Wochen gab es in Düsseldorf ein Netzwerktreffen der Stadtverbände der Gehörlosen. Dort fragte mich Rudi Sailer, ob ich mir vorstellen könne, die Organisation dieser „Aktion DGS“ zu übernehmen und ich sagte nach kurzer Bedenkzeit zu. Ich hatte ja auch schon Erfahrung in der Organisation des Gebärdensprachfestivals. Rudi wollte, dass es mindestens vier- bis fünftausend Teilnehmer für die Demo werden sollten, deshalb musste ich mir gut überlegen, wie ich die Gehörlosen für die Veranstaltung erreichen und mobilisieren konnte. Ich habe dann verschiedene Gehörlose interviewt und dabei gefragt, gegen welche Barrieren sie im Alltag zu kämpfen haben. Diese Filme wurden ins Internet gestellt und von vielen Gehörlosen angeschaut. Sie hatten einen Vorbildcharakter, denn viele erkannten darin ihre eigenen Probleme wieder, filmten kurzerhand ihre eigenen Statements in DGS und schickten sie mir zu. So entstanden viele Filme, die ich etwas nachbearbeitet und bei Facebook einstellte. Das ging erst langsam los, aber je näher der Tag der Demo rückte, desto mehr Beiträge wurden gepostet. Zwei bis drei Wochen vor der Demo war das Feuer so richtig entfacht und der Austausch auf Facebook war nicht mehr zu stoppen! Immer mehr Leute teilten dort mit, dass sie nach Berlin kommen wollten, sogar die, die anfänglich zu Hause bleiben wollten, haben sich kurzfristig doch dafür entschieden, mitzumachen! Und nun sind es so viele, einfach irre! Für mich gibt es deutliche Parallelen zwischen unserer „Aktion DGS“ und dem Arabischen Frühling. Auch dort wurde über Facebook zu einem Aufstand gegen die unterdrückenden politischen Strukturen aufgerufen und sich solidarisiert. Wir sind also der „Gebärdensprachfrühling“!