Fabel: "Der Löwe und die drei Stiere" (Nelson Pimenta, 2012)

Es war einmal ein Löwe, der hatte schrecklichen Hunger. In der weiten Steppe war er schon lange erfolglos auf der Suche nach Beute. Eines Tages erblickte er drei große Stiere, die dicht beieinander standen und grasten. Er dachte sich: „An denen ist eine Menge Fleisch dran, mir läuft schon das Wasser im Maul zusammen!“ Wild entschlossen zum Angriff rannte er auf die kleine Herde zu. Die Stiere sahen den Feind kommen und stellten sich noch dichter zusammen. „Zusammen sind wir stark!“ riefen sie sich zu. Als der Löwe die Herde erreicht hatte, traten die Stiere nach ihm aus und schlugen ihn mit ihren harten Hufen in die Flucht. „Haha!“, lachten die Stiere und feierten ihren Sieg, während sich der Löwe langsam nur mit Mühe von den Blessuren erholte und entmutigt von dannen schlich.

Am nächsten Tag suchte er erneut vergeblich nach etwas Essbarem. Die drei Stiere grasten noch immer in der Ebene und da fasste der Löwe in seiner Verzweiflung neuen Mut. Er dachte sich: „Vielleicht war ich gestern etwas zu müde, um sie zu besiegen. Heute fühle ich mich stark und werde sie packen!“ In hohem Tempo rannte er auf die Herde zu. Die Stiere sahen auch diesmal den Feind herankommen und rückten wieder dicht zusammen. „Zusammen sind wir stark!“ riefen sie sich wieder zu. Als der Löwe die Herde erreicht hatte, stießen die Stiere ihn mit ihren Hörnern in hohem Bogen davon. Der Löwe verließ jammernd den Ort des Geschehens und die Stiere feierten wieder ihren Sieg.

Als der Löwe auch am dritten Tag keine Beute fand und nur wieder die drei Stiere erblickte, entschloss er sich zu einem allerletzten Versuch. Er nahm all seinen Mut zusammen und rannte so schnell er konnte auf die Herde zu. Die Stiere sahen ihn und fingen an zu beratschlagen, wie sie diesmal vorgehen wollten. Der dickste von allen schlug vor, den Löwen mit seinem Hinterteil abzublocken. Ein anderer entgegnete: „Nein, wir nehmen ihn wieder auf die Hörner, die sind doch viel härter als dein Po!“ Da verfielen die drei in einen Streit darüber, welche Methode diesmal die beste sei. Am Ende lösten sie ihre Freundschaft auf und jeder zog trotzig in eine andere Richtung davon. Von nun an war jeder von ihnen auf sich allein gestellt.

Als der Löwe das sah, erkannte er seine große Chance: „Ein einzelner Stier ist eine leichtere Beute, als wenn alle zusammen stehen!“ Er fasste sich ein Herz und rannte auf einen der Stiere zu. Dieser ahnte nichts Böses und sah ihn erst im letzten Moment kommen. Entsetzt schrie er nach Hilfe, doch niemand kam, um ihm zur Seite zu stehen. Verzweifelt stellte er sich dem Löwen entgegen, doch er hatte keine Chance - der Löwe verschlang ihn mit Haut und Haar. Und auch die anderen zwei Stiere wurden von ihm nacheinander verspeist, denn auch sie konnten sich allein nicht verteidigen.

Der Löwe aber strich sich zufrieden über den vollen Bauch, putzte sich mit einem Zahnstocher die Fleischreste aus seinen Zähnen und schaute genüsslich der untergehenden Sonne zu.

 

Was ist nun die Moral von dieser Fabel?

Die Antwort lautet: Man braucht einander und muss zusammen halten, um erfolgreich zu sein!