2. Weltkrieg und die Zeit nach 1945 (Helmut Vogel)

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 wurden deutsche Soldaten benötigt. Taube Jungen und Männer waren zunächst vom Kriegsdienst befreit. In der Industrie mangelte es während des Zweiten Weltkrieges an Facharbeitern, weil die wehrtüchtigen Männer an der Front waren. Daher wurden bis zum Kriegsende auch taube Männer eingesetzt, die die Maschinen bedienten. Besuchsreisen und gesellige Veranstaltungen tauber Menschen, wie z.B. Sportfeste, fanden ab 1942/43 aufgrund der Kriegswirren und Deportationen nicht mehr statt.

Zum Kriegsende wurden vereinzelt auch taube Männer für den „Volkssturm“ eingezogen.

1945 begann nach dem Kriegsende die Flucht und Vertreibung der Deutschen, besonders aus den östlichen Regionen wie Pommern, Schlesien und Königsberg. Auch viele taube Menschen flohen in den Westen Deutschlands bzw. in das spätere Staatsgebiet der DDR, wo sie sich langsam ein neues Leben aufbauten, Arbeit fanden und wieder Vereine gründeten.

Die Erinnerungen an die NS-Zeit wurden jedoch gesellschaftlich tabuisiert, zu groß war das Entsetzen und die Scham über die Gräueltaten der Deutschen zwischen 1939-45. Viele wollten nicht wahrhaben, dass sie durch ihr Vertrauen in Hitler und durch ihr eigenes Handeln eine Mitverantwortung an den Geschehnissen trugen. Anstatt die Vergangenheit aufzuarbeiten, blickte man in Richtung Zukunft und ließ sämtliche Energie in den Wiederaufbau eines besseren Deutschlands fließen. Dies mündete 1949 in der Verabschiedung des Grundgesetzes und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland.

Dies brachte viele positive Entwicklungen mit sich, auch das Schulsystem der BRD wurde verbessert, z.B. entstanden nun auch Realschulen, sodass auch Gehörlose einen höheren Schulabschluss bekommen konnten.

Erst viel später, in den 70er und 80er Jahren begannen die Deutschen, über die Erlebnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust miteinander zu sprechen. Auch das Thema Zwangsterilisation wurde zu Tage gefördert, durch den Gehörlosenlehrer Horst Biesold. Er stieß zufällig auf das Thema und befragte daraufhin zahlreiche taube Überlebende der NS-Zeit zu ihren Erlebnissen. Er deckte in seiner Arbeit auf, dass viele taube Deutsche der Zwangssterilisation zum Opfer fielen und klärte öffentlich darüber auf, welches Unrecht diesen Menschen durch diesen Eingriff widerfahren war. Auch in anderen Bereichen setzten sich taube Menschen mit der NS-Zeit zunehmend auseinander: Immer häufiger wurde nun z.B. auch über die Herabwürdigung und Vernichtung tauber Juden gesprochen und recherchiert. Auch die Verbände mussten sich damit auseinandersetzen, dass sie die Ideologie insofern unterstützt haben, dass sie jüdische Mitglieder aus dem Vereinsleben ausgeschlossen haben.

Die Menschen wurden durch diese Aufarbeitung sensibilisiert, eine Aufgabe, die bis in die Gegenwart andauert und auch in der Zukunft von größter Wichtigkeit ist. Die entsetzlichen Verbrechen unter der Nazi-Herrschaft dürfen sich nie wiederholen.