Ergänzungen: Als Soldat im "Volkssturm" an der Ostfront bei Königsberg 1945

Damals gab es den Seeweg über Pillau, eine Hafenstadt nahe Königsberg. Dreimal wurde der Seeweg von der roten Armee durchbrochen. Wir hatten den Seeweg zu beiden Seiten freigekämpft, um deutschen Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Ich selbst war nicht auf einem durchfahrenden Schiff dabei, ich musste kämpfen. Einmal entstand ein Loch in der Abwehr, die Russen bekamen die Übermacht und wir kämpften mit aller Macht, um sie zurückzudrängen.

Nach dem dritten Durchbruch der roten Armee mussten wir aufgeben, auch aus Mangel an kampftauglichen Soldaten. Wir haben uns bis Königsberg zurückgezogen und konnten die Evakuierung der Zivilisten auf den Schiffen nicht mehr unterstützen, so sind viele in russische Gefangenschaft genommen worden.

Ach, wir haben so viel erlebt.

Einmal waren wir unterwegs in einer Gruppe von Soldaten, und wie wir so auf dem Weg gingen mit unseren Gewehren, hörte jemand plötzlich aus einem Haus im Obergeschoss ein Baby schreien. „Das war doch nicht möglich, dass sich noch jemand im Haus aufhielt“, haben wir uns gewundert. Ich habe mit drei Soldaten unten vor dem Haus gewartet, einer ist ins Haus und hat oben ein süßes Baby liegen sehen. Er hat es aufgenommen und auf einmal gab es eine Riesenexplosion. Das Baby war mit einer Tellermine verbunden, beim Heben wurde der Zündmechanismus ausgelöst. Wir haben uns gewaltig erschrocken vor dem Haus, danach wurde eine Warnung ausgesprochen, und uns wurde ausdrücklich verboten etwas anzufassen, was vermint sein könnte.

Schlimm waren auch die Köder in Form von Brot, die ausgelegt waren. Bei den kurzen Pausen saßen wir hungrig und erschöpft, wollten Brot, das einfach so dalag, greifen und verschlingen. Auch hier waren Bomben im Brot versteckt und wir lernten, es nicht anzufassen.

Ich erinnere mich auch an Wände, hinter den die Russen sich versteckt haben. Sie hatten Ziegelsteine einzeln abgetragen und, nachdem sie sich dahinter versteckt hatten die Ziegel sorgfältig wieder in die Wand eingefügt. Nur ein kleiner Spalt war frei zum Spähen. So standen die Russen dann mit dem Gewehr im Anschlag hinter der Wand und warteten bis deutsche Soldaten an der Wand entlang gingen. Nachdem die Wand mit einem Fußtritt zum Einsturz gebracht wurde ging eine Salve aus russischen Maschinenpistolen auf die Deutschen nieder.

Die ganzen Toten zu sehen war sehr schwer, erschossen lagen sie da oder waren an Pfähle aufgeknüpft. Ich habe schreckliche Bilder im Kopf, die kann ich niemals vergessen, die Erinnerung daran verblasst nicht.

Nur ganz knapp bin ich dem Tod entkommen.

Wir kämpften uns in den Straßen vor und kamen an eine kleine Steigung. An der Ecke stand ein Haus, vereinzelt kamen russische Soldaten in unsere Schusslinie. Wir arbeiteten uns stückweise nach vorn. Als wir in Höhe der Hausecke waren, bin ich ein bisschen zu früh aus der Deckung gekommen und zeitgleich mit mir kam ein Russe um die Ecke und wir standen uns plötzlich geschockt gegenüber. Unsere Gewehre hielten wir jeweils auf den Bauch des Anderen gerichtet. Gespannt fixierten wir die Augen unseres Gegenübers und kalkulierten blitzschnell. Wer würde zuerst schießen? Würden wir gleichzeitig abdrücken, wären wir beide tot! Der Russe war schon ein älterer Mann mit Schnurrbart, er sah mich an, wie ich klein und schmächtig mit zu großem Stahlhelm, der mir tief ins Gesicht hing, vor ihm stand. Auf einmal bedeutete er mir mit einer Kopfbewegung nach rechts, ich solle verschwinden. Erstarrt vor Schreck spürte ich, wie der Druck auf meinen Bauch durch sein Gewehr nachließ und habe ebenfalls mein Gewehr leicht zurückgezogen. Wieder machte er diese Kopfbewegung nach rechts, ich nahm die Beine in die Hand und rannte zurück um die Ecke. Der Russe verschwand wieder hinter der Ecke, von wo er gekommen war. Für diese Aktion habe ich noch einen Rüffel kassiert. Weil ich die Schritte des Soldaten um die Ecke nicht hören konnte, bin ich zu früh aus der schützenden Deckung gekommen.

Aber das Glück war in dieser Situation auf meiner Seite.

Als ich einmal hoch oben auf dem Dach eines Hauses stand und den Ausguck machen musste, stürzte es plötzlich, von einer Fliegerbombe getroffen, unter mir ein. Der Pilot muss mich gesehen haben, ich hatte nichts bemerkt bis das Dach unter mir wegbrach und ich in die Tiefe fiel. Kameraden haben mich dann aus dem Schutt gegraben, am Kopf hatte ich tiefe Wunden, das Blut lief mir übers Gesicht, aber ich war gerettet. Es war eine schlimme Zeit damals, von Januar bis April 1945, als der Krieg im Grunde ja schon verloren war.

Ich habe verschiedene Uniformen getragen, auch die des „Volkssturms“ an der Front und als wir in Pillau eingesetzt wurden. Als Pillau besetzt wurde, blieb ich bis zum Schluss in Königsberg.

Als der Krieg schon praktisch verloren war, haben wir einen Blick in den Keller des Königsberger Schlosses geworfen und waren wie vor den Kopf gestoßen. Parteimitglieder in Nazi-Uniformen, Zigarren paffend, haben dort ihren Feierabend genossen bei üppigen Speisen und Getränken. Als sich in der kämpfenden Soldatengruppe draußen herumgesprochen hatte, was da im Keller ablief, haben alle Soldaten auf einmal geschlossen das Gewehr nieder gelegt und sich ergeben. So wurden wir, zum Erstaunen der Russen, sämtlich in Kriegsgefangenschaft genommen. Wir waren empört, dass wir, die schlimmen Kämpfen ausgesetzt waren, hungern mussten, während sich ein Teil im Keller labte. Ein Soldat hat dann den Russen ein Tipp gegeben, doch mal im Keller nachzuschauen. Die Feiernden unten waren überrumpelt und wunderten sich, woher das Loch in der Abwehr kam. Sie wurden draußen zusammengetrieben und alle erschossen, der riesige Haufen ist mit einer Flüssigkeit übergossen und dann angezündet worden. Wir Soldaten standen dabei und haben es mit angesehen, einige von uns haben ihnen ein Lebwohl hinterhergeschickt als wir abgeführt wurden.