gehörlose Juden (Helmut Vogel)

Unter den jüdischen Opfern des Holocaust waren auch viele taube Juden.

Vor 1933 lebten sehr viele Juden in Deutschland, besonders groß war die jüdische Gemeinde in Berlin. Dort gab es auch die „Israelitische Taubstummenanstalt“, die einen hervorragenden Ruf besaß und von tauben jüdischen Kindern gut besucht wurde. Ihr Direktor Felix Reich war ein sehr engagierter Mann, der auch an den regelmäßigen Treffen des Bundes Deutscher Taubstummenlehrer teilnahm und sich dort stark für eine höhere Bildung tauber Kinder einsetzte. In der Zeit vor der Machtübernahme durch Adolf Hitler war die Teilnahme am Verbandsleben tauber Menschen konfessionsunabhängig. Jüdische Taube nahmen daher neben evangelischen und katholischen Christen ganz selbstverständlich am Verbandsleben tauber Menschen teil, u.A. waren sie auch Mitglied im ReGeDe. Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 standen jedoch alle Verbände unter der Kontrolle der nationalsozialistischen Führung. Der ReGeDe unterstand ab sofort der NSV („Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“) und der Sportverband tauber Menschen wurde fortan vom NSRL („Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesertüchtigung“) kontrolliert. Sämtliche Vereine und Verbände mussten in ihre Statuten und Regelungen den sogenannten „Arier-Paragraphen“ einfügen. Diese Bestimmung schloss Juden von der Teilnahme im Vereinsleben aus. Jüdische Mitglieder mussten aus den Vereinen austreten oder wurden ausgeschlossen. Auch der ReGeDe setzte diese Bestimmung um. Jüdische Taube wurden in den Verbänden nicht länger geduldet und bildeten kurz darauf eine eigenständige Gruppe in Berlin, deren Gruppengröße konstant blieb, nur einige taube Juden flohen aus Deutschland. Der ReGeDe hatte die Ideologie der NS-Führung und das propagierte jüdische Feindbild übernommen und machte massiv Stimmung gegen Juden. Jeglicher Kontakt zu Juden war strengstens untersagt. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verschärfte sich die Gefahrenlage für Juden, da nun Massendeportationen nach Osteuropa durchgeführt wurden. Diese Transporte endeten in Konzentrationslagern, wo ein Großteil der jüdischen Bevölkerung im Laufe der Kriegsjahre in Gaskammern und Krematorien vernichtet wurde. Auch taube Juden waren unter den Opfern, u.a. der Zahnarzt und Gründungsmitglied des ReGeDe, Paul Kroner. Auch Erwin Kaiser, der den „Verein zur Förderung der Interessen der israelitischen Taubstummen Deutschlands e.V.“ gegründet hatte, starb im Holocaust. Nur wenige überlebten die Kriegszeit bis 1945. Insgesamt wurden ca. 600 taube Juden ermordet.