Schule und Hitlerjugend (Helmut Vogel)

Dieses Kapitel behandelt die Themen Taubstummenlehrer, Taubstummenanstalten (die später zu Gehörlosenschulen umbenannt wurden) und die „HJ“ („Hitler-Jugend“).

Die Taubstummenlehrer waren schon vor Hitlers Machtübernahme im „Bund Deutscher Taubstummenlehrer“ (kurz: BDT) organisiert, der sich z.B. in Form von Tagungen aktiv damit auseinandersetzte, das Bildungsniveau tauber Kinder zu verbessern. Der BDT war auch vernetzt mit anderen Fürsorgeeinrichtungen für taube Erwachsene, um die beruflichen Chancen tauber Menschen zu erhöhen.

Den Vorsitz des BDT führte mit viel Engagement der Direktor der Städtischen Taubstummenanstalt Berlin, Ernst Schorsch. Da Schorsch nicht konform mit Hitlers Ideologie ging, wurde er jedoch 1933 abgesetzt. Die Neubesetzung fiel unter breiter Zustimmung der Mitglieder auf den regimetreuen Paul Rückau der in seiner Tätigkeit von Heinrich Eisermann, dem späteren Mitbegründer der „Gehörlosen-Hitler-Jugend“ (dem sog. „Reichsbann G“), unterstützt wurde. Der BDT wurde dem „Nationalsozialistischen Lehrerbund“ (kurz: NSLB) unterstellt.

In Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt 40 Taubstummenanstalten. Die dort tätigen Direktoren, die mit Hitlers Führung nicht ausreichend sympathisierten, wurden zügig durch regimetreuere Kollegen ersetzt. Davon abgesehen ging das Schulleben unverändert seinen Gang. Erst bei der Bildung der sog. „Hitler-Jugend“ gab es auch für taube Kinder und Jugendliche Veränderungen: An den Aktivitäten der Hitler-Jugend nahmen aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten mit Hörenden nur sehr wenige taube Jugendliche teil. Eisermann gründete deshalb in Abstimmung mit der HJ eine Untergruppe, die von der HJ als „Reichsbann G“ zugelassen wurde. Die Mitglieder dieses Banns mussten eine Binde mit dem Buchstaben „G“ (gehörlos) tragen. Der Buchstabe „G“ stand später nicht mehr für „gehörlos“ sondern für „gehörgeschädigt“, um so auch schwerhörige Jugendliche mit einzubeziehen. Innerhalb des „Reichsbann G“haben sich taube und schwerhörige Jugendliche jedoch voneinander abgegrenzt.

Jede Taubstummenanstalt verfügte über eine Hitler-Jugend-Einheit, die jeweils von einem (hörenden) Lehrer selbstverantwortlich geführt wurde.

Parallel zur männlichen Hitler-Jugend gab es noch einen weiblichen Zweig, den „Bund Deutscher Mädel“ (kurz: BDM). Die nationalsozialistische Jugendbewegung bot ein attraktives Programm für Jugendliche, wie z.B. gesellige Zeltlager, Spiele, Wanderungen und andere Abenteuer. Auch taube Jugendliche hatten bis zum Ende des zweiten Weltkriegs 1945 Freude an den Veranstaltungen: Sie vertrauten auf die Zukunftsversprechen der Führung und entwickelten in der Gemeinschaft Vaterlandstreue und nationalsozialistische Gesinnung.