Von 1730 bis 1800

Etwas mehr als 100 Jahre später nahm der erste historisch bekannte gehörlose Lehrer Etienne de Fay in Frankreich seine Arbeit auf. Er trat 1730 in ein Kloster unweit von Paris ein, in dem er eine Grundlagenausbildung bekam und gehörlose Kinder unterrichtete. Im Jahre 1750 wurde auch in Frankreich das Fingeralphabet im Unterricht gehörloser Kinder eingesetzt, das von einem Gehörlosenlehrer aus Spanien mitgebracht wurde. Auf diese Weise gelangte das Fingeralphabet in die ganze Welt. Im Jahre 1770 wurde die erste Gehörlosenschule gegründet und zwar von einem der größten Vorbilder der Gehörlosenbildung: Abbé de L’Epée.

Epée war ein Priester, der nach dem Tod eines befreundeten Kollegen dessen gehörlose Schülerinnen weiter unterrichtete. Épée, der vorher noch keine Erfahrung mit Gehörlosen gemacht hatte, war gegenüber dem Thema Gehörlosigkeit sehr aufgeschlossen und äußerst fasziniert von der Gebärdensprache, die die beiden Mädchen benutzten. Von da an wandte sich Épée für die nächsten 30 Jahre beruflich ausschließlich dem Unterricht Gehörloser zu, eignete sich selbst die Gebärdensprache seiner Schüler an und unterrichtete selbst auch unter Zuhilfenahme von Gebärdenzeichen. Im Jahre 1770 folgte der Höhepunkt von Épée’s Lehrerlaufbahn, seine Schule, die zugleich weltweit erste Gehörlosenschule, öffnete in Paris ihre Tore für zahlreiche gehörlose Schülerinnen und Schüler. Épée zahlte jedoch die Schulkosten zunächst aus eigener Tasche, da die Stadtverwaltung von Paris große Zweifel an den Bildungschancen Gehörloser hatte und die Schule nicht finanziell unterstützen wollte. Der französische König, sowie angesehene Kommunalvertreter und Delegierte der europäischen Königshäuser kamen jedoch trotzdem zu Unterrichtshospitationen in die Schule und mussten dort begreifen, dass die gehörlosen Schüler sehr wohl zu erfolgreichen Schülern erzogen werden konnten. Bald verbreiteten sich die bahnbrechenden Erkenntnisse aus Épées Schule bis nach Österreich, Italien, Spanien und Holland. Die Gründung weiterer Gehörlosenschulen, in denen nach der Methode von Épée unterrichtet werden sollte, wurde europaweit vorangetrieben. Épée’s Unterrichtsmethode, die sogenannte „manuelle Methode“ beinhaltete eine Kombination aus Lesen und Schreiben, wobei der Einsatz von Gebärden das Erlernen der Schriftsprache unterstützen sollte.

Zur gleichen Zeit engagierte sich auch in Deutschland ein Lehrer für die Bildung Gehörloser: Samuel Heinicke. Er erteilte im Hamburger Stadtteil Eppendorf gehörlosen Kindern Privatunterricht. Im Jahre 1778 nahm er einen Ruf aus Leipzig an, dort die erste staatliche Gehörlosenschule zu leiten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1790 war Heinicke Direktor der Gehörlosenschule in Leipzig und vertrat im Gegensatz zu Épée einen lautsprachlich orientierten Unterrichtsansatz („orale Methode“). Dieser Ansatz sah vor, durch die intensive Förderung des Sprechens und Mundablesens einen kommunikativen Zugang zu den gehörlosen Schülern zu schaffen, und ihnen als „lautsprachlich denkende“ Gehörlose Unterricht zu erteilen. Gebärdensprachliche Kommunikation zwischen den Kindern wurde geduldet, besaß aber lediglich den Status eines Hilfsmittels.

Zwischen Épée und Heinicke herrschte zu Beginn noch ein reger Briefverkehr, in dem sie sich über ihre Erfahrungen und Unterrichtsmethoden austauschten. Wegen der wachsenden Meinungsverschiedenheiten bezüglich der geeigneteren Unterrichtsmethode brach dieser jedoch nach einiger Zeit ab.

Um diese Zeit wurde auch zunehmend der Staat in die Pflicht genommen, die Bildung gehörloser Kinder und Gründung weiterer Schulen finanziell zu unterstützen. Für die gehörlosen Kinder brach mit der Einschulung eine neue Ära an: Sie erfuhren zum ersten Mal in der Geschichte Schulunterricht und kamen darüber hinaus häufig zum ersten Mal in ihrem Leben mit anderen gehörlosen Kindern in Kontakt. Die Trennung von Bildung und gehörlosen Freunden gehörte somit vielerorts der Vergangenheit an.