Von 1850 bis 1900

Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden vielerorts weitere Gehörlosenschulen. Die Schule bildete eine wichtige Grundlage für die Gehörlosengemeinschaft, da bereits während der Schulzeit Freundschaften entstanden, die häufig ein Leben lang hielten. Um den Kontakt zueinander auch nach der Schulzeit zu pflegen, entstanden zu dieser Zeit die ersten Gehörlosenvereine. In Deutschland wurde der erste Gehörlosenverein 1848 in Berlin gegründet.

Durch den Schulabschluss erfüllten die jungen Gehörlosen endlich die Voraussetzung für eine berufliche Ausbildung. In erster Linie gingen sie in handwerklichen oder gestalterischen Berufen in die Lehre, vereinzelt arbeiteten Gehörlose aber auch als Lehrer, Künstler oder Beamte.

Zu dieser Zeit vollzog sich in der Gehörlosenpädagogik ein Meinungswandel innerhalb der Unterrichtsmethode. Bis 1850 wurden noch ganz unterschiedliche Ansätze vertreten: Die Bandbreite reichte damals von der oralen Methode über die manuelle Methode bis hin zur kombinierten Methode. Um 1850 gewann jedoch an immer mehr Schulen der orale Ansatz an Bedeutung. In kleinen Klassen wurden gehörlose Kinder intensiv im mühevollen Ablesen vom Mund und in der Artikulation der Lautsprache unterrichtet. Diese Methode fand in der Gehörlosenpädagogik großen Anklang, gleichzeitig erschien die Verwendung der Gebärdensprache im Unterricht überflüssig und wurde zunehmend aus dem Unterricht verdrängt. Die Pädagogen glaubten, mit dieser Methode die besten Lernfortschritte bei den gehörlosen Kindern zu erzielen. Der gehörlose Lehrer Kruse in Schleswig beobachtete diese Entwicklung sehr kritisch und begann um 1870 herum, seinen Unmut in Fachzeitschriften und Büchern für Gehörlosenpädagogik zu formulieren. Er protestierte gegen den rein oralen Ansatz und plädierte für die Beibehaltung der Gebärdensprache im Unterricht, da er diese als unverzichtbar für eine gesunde geistige Entwicklung ansah. Kruses Kritik gegen den Oralismus und sein Plädoyer für die kombinierte Methode fand jedoch kein Gehör. Seine Ansichten wurden als altmodisch abgetan. Auch die traditionell nach der kombinierten Methode unterrichtenden Gehörlosenschulen in Frankreich wurden von diesem Wandel mitgerissen. Diese länderübergreifende Entwicklung gipfelte 1880 im sog. „Mailänder Kongress“, einem dramatischen Wendepunkt innerhalb der Geschichte der Gehörlosenpädagogik. In Italien war zu diesem Zeitpunkt die Verbreitung des Oralismus am weitesten fortgeschritten und man hielt diesen Ansatz dort für den einzig richtigen, um gehörlose Kinder erfolgreich auszubilden. Aus diesem Grund lud die Mailänder Gehörlosenschule im Jahr 1880 Vertreter der Gehörlosenpädagogik aus ganz Europa zu einem Kongress. Die italienischen Verfechter der oralen Methode stellten ihre Umstellung auf den oralen Ansatz vor und bezeichneten die Lernerfolge als sehr positiv, ebenso Vertreter des oralen Ansatzes aus anderen Ländern. Die französischen und amerikanischen Delegierten, die traditionell der kombinierten Methode vertraut hatten, reagierten mit Erstaunen und Verunsicherung auf die Ausführungen der Oralisten. Edward Miner Gallaudet, der in Amerika 1864 mit dem Gallaudet College die Vorläufer-Institution der heutigen Gallaudet-Universität gründete, war auch unter den anwesenden Fachleuten. Am Ende des Mailänder Kongresses wurde eine Resolution verabschiedet, in der festgehalten war, dass zukünftig an den Gehörlosenschulen in den vertretenen Ländern nur noch nach dem oralen Ansatz zu unterrichten sei. Dies bedeutete, dass der Unterricht fortan unter Ausschluss der Gebärdensprache abzulaufen hatte und sprachlich nur mittels Ablesen und lautsprachlicher Artikulation durchzuführen sei. Begründet wurde dieser Beschluss damit, dass nur der orale Ansatz gehörlosen Kindern zu einer geistigen Entfaltung verhelfen könne und zur Integration in die Welt der Hörenden beitragen könne. Nach dem Kongress begann in den betreffenden Ländern die flächendeckende Umstellung auf die oral ausgerichtete Erziehung gehörloser Kinder. Auch in anderen Ländern, die nicht auf dem Mailänder Kongress vertreten waren, erfuhr man von der Erfolg versprechenden oralen Methode und führte sie ebenfalls rasch im Unterricht mit gehörlosen Kindern ein.

Für die Gehörlosengemeinschaft war der Mailänder Kongress ein schwerer Schlag, weil ihre Gebärdensprache durch die Resolution fortan unterdrückt wurde. Diese jahrelange weltweite Unterdrückung rief bei Gehörlosen immer wieder Reaktionen der Wut und des Protests hervor.