Kindheitserinnerung: Gottesdienst unter Hörenden (Edmund Hollweck, 2012)

Als Kindergartenkind war ich in einer Klosterschule in dem kleinen Dorf Zell bei Nürnberg in einem Heim untergebracht. Jeden Morgen um sieben Uhr musste ich in die winzige Dorfkirche zum Gottesdienst. Ich habe es so gehasst!

In der ersten Reihe saßen immer die Gehörlosen, dahinter die Hörenden und oben auf der Empore waren die Orgel und die Nonnen, die ein scharfes Auge auf uns hatten.

Eines Morgens saß ich wie immer in der ersten Reihe, schaute gelangweilt umher und träumte so vor mich hin. Als ich meinen Blick nach hinten und hoch zur Empore wandern ließ, gaben mir die Nonnen mit wütender Miene und Gesten zu verstehen, dass ich gefälligst nach vorn zum Pfarrer schauen und beten solle. Ich gehorchte, aber es wurde nicht interessanter. Dann kam der gewohnte Ablauf: Stehen, knien, sitzen, knien, wieder aufstehen, usw. Ein paar Reihen weiter saß ein dicker Bauer und sang aus voller Kehle aus dem aufgeschlagenen Gebetsbuch. Der Pfarrer sang auch in voller Inbrunst mit feierlicher Miene. Auf mich wirkte das vollkommen absurd: Diese riesigen Mundbewegungen, die angestrengten Halsmuskeln und dieses feierliche Getue- was sollte das nur? Die Gehörlosen in meiner Bankreihe saßen schweigend da. Ich dachte mir, dass ich da besser mitmache, schlug mein Gebetsbuch auf und weil ich die Noten und Texte darin nicht verstand, sang ich einfach drauf los. Ich hatte keine Ahnung, wie das klingt, aber ich war in meinem Element! Hinter mir tauschten die Leute schon vielsagende Blicke aus. Ich merkte nicht einmal, dass das Lied zu Ende war und sang allein weiter. Die Nonnen auf der Empore waren beschämt und furchtbar wütend. Eine von ihnen kam eilig die Treppe herunter und packte mich hart an der Schulter. Erschrocken blickte ich auf und fragte, was los sei. „Sei still!“ gab sie mir wütend zu verstehen. Ich erwiderte, dass der Pfarrer doch auch gesungen hätte, aber die Nonne duldete keine Widerworte und rang um ihre Beherrschung. Da war ich still und grübelte darüber nach, weshalb sie so außer sich war.

Heute weiß ich es.