Wie ich mich für die Frauenbewegung engagiert habe (Gerlinde Gerkens, 2010)

Da müssen wir mal zurückgehen ins Jahr 1991, da wurde nach der deutschen Wiedervereinigung ein neuer Vorstand gewählt. Aus Berlin kam dann der Wunsch nach einer Frauenbeauftragten.  

Davor gab es bereits den Fachausschuss „Recht“, in dem ich aktiv war.

Natürlich waren mir die Frauenbelange aufgrund meiner eigenen Erfahrung bekannt, aber was ich als Frauenbeauftragte nun genau tun sollte, war mir nicht ganz klar. Innerhalb des DGB gab es auch kein Budget für meinen Arbeitsbereich.

Ich rief also erst einmal mit einer Dolmetscherin beim Frauenministerium in Bonn an und wurde zwei Stunden beraten. Da ich zur Ausübung meiner Tätigkeit dringend finanzielle Unterstützung brauchte, stellte ich einen Antrag auf Kostenübernahme für ein Seminar für gehörlose Frauen. Das Ministerium bewilligte den Antrag und so führte ich 1993 in Kiel das erste Frauenseminar durch, an dem 44 gehörlose Frauen aus ganz Deutschland teilnahmen. Für die teilnehmenden Frauen war das ja auch Neuland, so haben wir das Beste draus gemacht. Erfreulicherweise hatten wir vier Referentinnen: Die hörende Referats-Leiterin des Frauenministeriums, die ganz begeistert war, das so viele junge Frauen an dem Seminar teilnahmen.

Eine Frau vom Bundesvorstand von „Pro Familia“, Frau Professor Dr. Meyer, Käthi George für den Förderbereich und ich. Das Ziel war auch, die Vertreterinnen der Landesverbände zu erreichen, damit diese dann Frauenbeauftragte in ihre jeweiligen Verbände berufen konnten.

Aber auch außerordentliche Mitgliedsverbände wurden berücksichtigt, so zum Beispiel auch Frauen der Stadtverbände München und Nürnberg.

Zu einem späteren Zeitpunkt kamen noch Petra Piel und Cortina Bittner dazu.

Wir haben uns dann erstmal alle vorgestellt, ich wollte von den Teilnehmerinnen wissen wie es Ihnen allgemein geht und was sie bewegt. Die Stimmung war toll, nach anfänglicher Reserviertheit tauten alle auf, es war wunderbar.

1994 fand dann in Bonn das nächste Seminar statt, unter Beteiligung internationaler Referentinnen sowie Ulrike Gotthardt.

Themen waren, was uns gehörlose Frauen so bewegt und wie wir unsere Situation verbessern können. Dazu muss ich noch anmerken, dass ich 1992 am europäischen Frauen-Kongress in Griechenland teilgenommen habe, wo es auch interessante Eindrücke gab.

Nach dem 1. Frauenseminar in Kiel wurden 5 Frauenbeauftrage in die Landesverbände berufen, 1994 war die Zahl bereits auf 12 angestiegen. Das ging dann in rasantem Tempo weiter.

1995 in Nürnberg beschäftigten wir uns dann mit einer Anfrage aus dem Bundesfrauenministerium: Welchen Schwierigkeiten sind gehörlose Frauen ausgesetzt?

Wir waren von einer Vielzahl von Problem umgeben, egal ob im Alltag, wo wir auf Barrieren stießen, mit den Männern oder im Verein.

Ich hatte dann die Idee, einen Fragebogen zu entwickeln-das kam nicht von Frauenausschuss, sondern ist quasi in Alleinarbeit entstanden-der in 9 Fragegruppen gegliedert war. Zum einen ging es um Fragen, welche die persönliche und schulische Entwicklung betrafen.

Bei den Antworten zum Thema sexuelle Orientierung ist es mir dann kalt den Rücken runtergelaufen. Von rund 3.200 Fragenbögen, die ich verschickt hatte kamen 2/3 zurück, also ca 2000. Das war schon eine große Resonanz. Die Auswertung erfolgte ehrenamtlich und heraus kam dann die Dokumentation des DGB überhaupt.

Die Antworten zum Thema sexuelle Orientierung zeigten eine große psychische Belastung uns welchem Druck die Frauen ausgesetzt waren. Sie konnten, anders als hörende Frauen, sich nicht in Gesprächen öffnen, hatten keine Möglichkeiten sich zu öffnen. Die Palette reichte von sexuellen Misshandlungen über Vergewaltigungen, teilweise seit der Kindheit, durch Verwandte.

Für mich war es traurig.