Zur Geschichte der tauben Juden in Deutschland (Mark Zaurov, 2011)

Die jüdische Gemeinschaft besteht schon seit über 5000 Jahren. Sie hat ihre eigene Kultur mit ihren Traditionen und einer eigenen Sprache, die von Generation zu Generation weiter getragen wird. Sie bildet eine ethnische Minderheit. Die Gehörlosengemeinschaft hat wiederum auch eine eigene Kultur, verbunden mit Geschichte und Traditionen und ihrer Sprache, der Gebärdensprache. Sie bildet eine sprachliche Minderheit.

Die Gemeinschaft tauber Juden bildet daher eine doppelte kulturelle Minderheit. Die Geschichte gehörloser Juden in Deutschland beginnt in Berlin. Dort gründete Markus Reich 1873 die „Israelitische Taubstummenanstalt“ (kurz: ITA). Er, wie auch sein Sohn Felix Reich, setzten wie selbstverständlich die Gebärdensprache bei der Erziehung und Bildung der gehörlosen Schüler ein. Sie hatten erkannt, dass sie für den Wissenserwerb der Kinder unverzichtbar war. Die Anstalt genoss einen hervorragenden Ruf, sogar aus dem Ausland wurden Schüler nach Berlin geschickt. Viele der Schüler blieben nach Beendigung der Schulzeit in Berlin und schlossen sich in dem bald gegründeten „Verein der ehemaligen Zöglinge der ITA“ zusammen. Viele gehörlose Juden machten in Berlin Karriere, wie z.B. Wladislav Zeitlin, der nach dem Abitur studierte und acht Entwicklungen eines Fernsehgeräts zum Patent anmeldete. Es gab auch einen gehörlosen jüdischen Zahntechniker, Paul Kroner, der später den ReGeDe (Reichsbund der Gehörlosen in Deutschland) mit begründete. Mit Reich, Zeitlin und Kroner bildeten drei jüdische Gehörlose den Vorstand des ReGeDe. Sie führten den ReGeDe sehr souverän, setzten sich stark für das Vereinsleben und den Gehörlosensport ein und gaben auch eine Zeitschrift heraus. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann für die gehörlosen Juden eine schlimme Zeit. Die jüdische Bevölkerung wurde entrechtet, verfolgt und im Holocaust ermordet. Nur wenige überlebten die Zerstörungsmaschinerie, wie z.B. der gehörlose Künstler David Bloch, der seine Erinnerungen an den Holocaust in seinen Werken verarbeitete. Auch Richard Liebermann, einem gehörlosen jüdischen Maler, gelang die Flucht. Mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1990 siedelten viele russische Juden nach Deutschland über, denn unter der kommunistischen antisemitistisch geprägten Regierung wurden Juden gesellschaftlich diskriminiert. Die jüdische Kultur wurde unterdrückt, und wer jüdischer Abstammung war, hatte es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Der Nachholbedarf bezüglich der Pflege von Traditionen und Geschichte war daher groß, als die Sowjetunion fiel. Gehörlose Juden haben deshalb in Deutschland die IGJAD (Interessensgemeinschaft Gehörloser jüdischer Abstammung in Deutschland) gegründet. Sie hat sich dem Ziel verschrieben, Gehörlose mit den Bräuchen und Lehren des Judentums bekanntzumachen, Prävention gegen antisemitistische Positionen in der Gehörlosengemeinschaft zu betreiben und sich mit den Gräueltaten gegenüber jüdischen Gehörlosen in der Nazizeit auseinanderzusetzen. Die IGJAD sammelt zu diesen Themen Diskussionsbeiträge und Forschungsergebnisse und stellt diese der Öffentlichkeit zur Verfügung.