Psychosoziale Aspekte von Migration (Ege Karar, 2011)

Die Umsiedlung in die Bundesrepublik kann verschiedene Gründe haben: Entweder entscheidet man sich aus freiem Willen für ein Leben in Deutschland, oder aber man muss vor politischen Unruhen oder militärischen Auseinandersetzungen aus dem Heimatland fliehen.

Oft kommen Verwandte wie Eltern und Großeltern nicht mit nach Deutschland. Gehörlose Migranten sind daher in Deutschland sehr isoliert, da wichtige Bezugspersonen fehlen. Die erste Generation von Migranten beherrscht die deutsche Sprache noch nicht und kann sich nur mühsam die neue Kultur und Gepflogenheiten aneignen, ihr Herz schlägt für ihre Heimat und viele spielen mit dem Gedanken, eines Tages wieder dorthin zurück zu kehren.

Die zweite Generation sind Kinder dieser Migranten, die in Deutschland aufwachsen. Sie haben oft Schwierigkeiten, in Deutschland ihre Identität zu finden und sind hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen: In Deutschland fühlen sie sich oft nicht heimisch, ihr Herkunftsland ist ihnen aber auch fremd.

Die dritte Generation ist in Deutschland geboren und sozialisiert worden, hat eine stärkere Bindung zu Deutschland sowie viele Kontakte und Beziehungen zu Deutschen. In dieser Generation besteht in der Regel kein starker Wunsch, Deutschland wieder zu verlassen.

Bei den gehörlosen Migranten lassen sich zwei Untergruppen feststellen.

Die eine Gruppe besteht aus gehörlosen Migranten, die den Kontakt zu Gehörlosen in Deutschland und ihren Vereinen suchen.

Die andere Gruppe sind hörende Familien mit gehörlosen Kindern. Sie nehmen in der Regel ihren gehörlosen Kindern jede Entscheidung ab und treten ihnen gegenüber als Dolmetscher und Berater auf. So die Kinder leider abhängig und sehr unselbständig, weil sie nicht lernen, persönliche Entscheidungen für ihr Leben selbst zu treffen. Stattdessen schlagen sie eben den Weg ein, den die Eltern für sie gewählt haben, sogar wenn dieser Weg eine Rückkehr in die alte Heimat bedeutet.

Beide Untergruppen existieren nicht isoliert nebeneinander. Es kommt natürlich vor, dass ein bevormundetes Kind hörender Eltern anderen gehörlosen Migranten begegnet, die Gebärdensprache nutzen und in der deutschen Gehörlosengemeinschaft integriert sind. Das sind dann sehr positive Impulse.

Die in Deutschland lebenden Gehörlosen mit Migrationshintergrund treffen sich regelmäßig, um sich mit ihren Landsleuten auszutauschen. Angeboten werden z.B. an wechselnden Orten in unterschiedlicher Größe Kulturtreffen für Gehörlose aus Polen, Russland und der Türkei. Und auch der Sport spielt eine wichtige Rolle: Zum Beispiel gibt es in Düsseldorf einen Fußballverein für Gehörlose mit türkischer Abstammung und einen internationalen Gehörlosenfußballverein in Köln. Die Vielfalt an Sprachen und Kulturen, die dort zum Ausdruck kommt, ist schon sehr interessant.

Um den Bedürfnissen tauber Migranten gerecht zu werden, haben die Gehörlosenverbände spezielle Angebote für taube Migranten in ihr Programm aufgenommen, wie z.B. Kurse für Deutsche Schriftsprache und DGS. Neben den Gehörlosenverbänden setzen sich aber z.B. auch soziale Einrichtungen und Beratungsstellen für taube Migranten ein.